Ja, was ist das überhaupt – ein Philosoph oder Philosophin? Wer darf sich so nennen? Gerade gibt es eine Debatte um die Philosoph:innen unserer Gesellschaft. Precht und Flaßpöhler dominieren das Geschehen in den öffentlichen Kanälen. Besonders studierte Philosoph:innen lehnen Precht ab, weil er wohl seinen Doktor in Germanistik hat und weil er populärphilosophische Bücher bei Thalia verkauft. Aber wann wäre er denn ein seriöser Philosoph? Hängt das nur vom Studium ab, ja vom Grad des Abschlusses? Etwa auch vom Fach, das er studiert hat?

Die Universität fördert erst recht kein philosophisches Denken –, denn freie Gedanken benötigen ein freies Umfeld

Philosophie mit dem Philosophiestudium gleichzusetzen würde bedeuten, dass vor der Erfindung von Universitäten keine Philosophen existiert haben könnten. Das Studium des Fachs Philosophie kann mit der Philosophie überhaupt nicht identisch sein. Philosophie beginnt bei den Alten Griechen mit dem Staunen, der „theoria“. Die griechischen Philosophen der Antike werden oft als Kinder bezeichnet:

Weil sie gestaunt haben, wie es nur Kinder können. Freie Wahrnehmung ist die Voraussetzung, freie Gedanken zu entwickeln.

Autoritäten darf es geben, doch sie dürfen keine äußerliche Macht über denjenigen haben, der lernen will. Was habe ich erlebt? Wer einen Philosophen nicht so versteht wie die professorale Autorität, bekommt eine schlechte Note. Wer sich erdreistet, die Arbeit der Macht-Autorität zu kritisieren – bekommt eine schlechte Note und dazu noch eine Standpauke. Das akademische System hat die Macht, den Lernenden ihr Leben zu erschweren. Wer mit einem schlechten Abschluss (oder gar keinem, denn viele Studenten brechen ab) ins Berufsleben entlassen wird, hat schon einen Stempel „Versager“. Doch vielleicht hat den Autoritäten auch seine Ansicht einfach nicht gepasst.

Im Philosophiestudium lernt man Philosophen kennen, also Menschen, die ihre Gedanken über diese Welt zu Papier gebracht haben. Oder nicht mal das. Sokrates hat bekanntlich nichts aufgeschrieben, das hat glücklicherweise sein Schüler Platon getan. Sokrates hat nur Dialoge geführt, ein Hegel hat dagegen ein ganzes System der Geschichte aufgebaut. Diese Menschen und ihre Vorstellungen kennenzulernen, heißt, sie zu verstehen, nachzuvollziehen – und dann aber natürlich auch kritisch zu hinterfragen.

Die Universität jedoch ist ein Bildungsinstitut, das wie die Schule auf Machtstrukturen aufgebaut ist. Damit bin ich am Anfang meines Studiums selbst konfrontiert worden. Naiv dachte ich, dass man ganz frei über alles nachdenken dürfte, seine Erkenntnisse mitteilen, und zusammen mit den Lehrenden die Inhalte erarbeiten würde. Aber Pustekuchen – das Gegenteil war der Fall.

Deutsche Bildungsinstitute basieren auf Machtstrukturen – das Gegenteil der Philosophie

Dass ich mit dem Philosophiestudium auf ein Fach gestoßen bin, das von elitären und vor allem männlichen Professoren dominiert war, hat mich zunächst aus der Bahn geworfen. Nicht nur mich, nach zwei Semestern war ein Großteil meiner Komilliton:innen bereits in andere Fächer abgewandert, besonders übrigens die weiblichen. Diese Herren der Schöpfung machten keinen Hehl daraus, ihre Lehre autoritär an ihre Studenten weiterzugeben.

Kritik unerwünscht. Debatten gab es kaum.

In einer Sprechstunde hat mich mein Professor zu meiner Kritik an Platon scharf zurechtgewiesen:

„Junge Frau, wenn hier jemand Platon kritisiert, dann bin ich das“.

Philosophieprofessor an der Universität Freiburg

Seine weitere Aussage zu dem großen antiken Philosophen: „Was wollen Sie denn auch, Platons Staat ist eben ein Wasserkopf.“ Meine Verwirrung nach dieser Aussage ist bestimmt nachvollziehbar.

Trotzdem hielt ich an meinem Studium fest, und ich habe mit möglichst selbstständigem Denken das getan, was für mich Philosophie bedeutet: Strukturen und Autoritäten verstehen – und dann hinterfragen und kritisieren. Jeder Philosoph und jede Philosophin ist nur ein Mensch, der die Gesellschaft, diese Welt, untersucht und durchdacht hat. Die verschiedenen philosophischen Ansichten zu verstehen und auf Dauer zu einer eigenen Sicht auf die Welt zu kommen, das ist Philosophie.

Das Studium der Philosophie hat mit Philosophieren nichts zu tun

Das Studium der Philosophie jedenfalls hatte kaum etwas mit „Philosophie“ zu tun. Es hat damit zu tun, von unangefochtenen (männlichen) Autoritäten vorgegeben zu bekommen, was Philosophen gedacht haben. Auswendig lernen und wiedergeben. Jedoch nicht: philosophieren.

Elitäre antidemokratische Studenten

Freunde von mir waren von Nietzsche begeistert. Die Postmoderne hat eine große Rolle gespielt. Heidegger natürlich, Gadamer. Philosophiestudierende, die mit mir in der Mensa saßen und über Nietzsche schwadronierten, erzählten mir von der Dummheit der Menschen.

Einer erklärte mir, er wäre dafür, allen, die die BILD-Zeitung läsen, das Wahlrecht zu entziehen.

Die nächste war davon überzeugt, ohne den christlichen Glauben könnten wir keine Wahrheit haben. Welche Wahrheit denn nur die Christen hätten, fragte ich. „Du sollst nicht lügen“, entgegnete sie. „Aha, also alle Ungläubigen lügen?“, fragte ich. Sie zögerte, aber ja, das sei schon so.

Warum wollte ich überhaupt Philosophie studieren?

Warum ich Philosophie überhaupt studieren wollte? Ich hatte als Jugendliche die alten Griechen kennengelernt, ich war begeistert von Sokrates, auch von den Aufklärern Kant, Diderot. Ja, so ist es, ich war und bin eine große Freundin der Aufklärung. Seminare über diese Philosophen gab es kaum.

Die schönsten zwei Seminare, an die ich mich gerne erinnere, behandelten Aristoteles und Spinoza. Nur wenige interessierten sich dafür, wir waren eine kleine Runde, um so schöner und zwangloser konnten wir interpretieren und diskutieren. Meine Begeisterung für die Philosophie hat in diesen Seminaren wieder neue Energie gefunden.

Philosophie ist harte Arbeit, aber Erkenntnisse machen auch glücklich

Warum kann Philosophie begeisternd sein, aber auch harte Arbeit? Philosophie betrifft all das, was nicht den Glauben betrifft. Die Auseinandersetzung mit der Wahrheit dieser Welt. Einer Wahrheit? Oder vieler Wahrheiten? Die Postmoderne behauptet, es gibt so viele Wahrheiten wie Menschen auf dieser Welt.

Wer hält dagegen? Die alten Griechen.

Die sokratischen Bewegungen gingen von der allgemeinen Vernunft aus, was bedeutet, dass alle Menschen zur gleichen Wahrheit kommen können. Ja, kommen müssten, wenn sie vernünftig denken.

Wir dürfen die Philosophie nicht den Eliten überlassen!

Philosophie ist nichts, was wir den Eliten und Professoren im Elfenbeinturm der Institute überlassen dürfen.

Philosophie ist selbstbestimmtes Denken, kritische Überprüfung jeder Autorität und die Entwicklung der eigenen Vernunft.

Fähigkeiten, die jeder Mensch lernen kann, weil sie in jedem Menschen angelegt sind. Damit jeder Mensch seine philosophische Veranlagung entwickeln kann, brauchen wir eine freie Gesellschaft. Je freier und demokratischer unsere Gesellschaft ist, desto selbstbestimmter kann jeder Einzelne denken und handeln. Wir verbessern unsere Gesellschaft im moralischen Sinne, indem wir wie Sokrates jeden Menschen ins Denken bringen.

Fazit: wenn du Lust auf Philosophie hast, fühle dich niemals zu schlecht oder minderwertig dafür, jede Frau und jeder Mann kann ins selbstständige Denken finden und Freundin oder Freund der Weisheit werden!

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