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Weniger Arbeiten – ist das möglich und warum ist es wichtig?

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Warum weniger arbeiten? Schon mal mit dem Gedanken gespielt in Teilzeit zu gehen? Ich, als Mann, arbeite nun schon mehr als sechs Jahre in Teilzeit und möchte euch nun mal meine Erfahrungen dazu schildern. Es gibt nämlich eine Menge zu erzählen, was von Bedeutung ist. Gerade wenn sich jemand von euch entscheidet in Teilzeit zu gehen.

Wie fing es an mit Teilzeit?

Schon in der Ausbildung fand ich eine 40-Stunden-Woche viel zu lange. Von der Schulzeit in die Arbeitszeit war für mich ein harter Bruch. Auf einmal hatte ich zwar Geld, aber keine Freizeit mehr. Das ging dann noch einige Jahre so, immer in Vollzeit, 40 Stunden und mehr.

Als ich mein Praktikum und meine Bachelorarbeit in einem Startup abgeschlossen hatte, wurde ich übernommen und habe eine Festanstellung bekommen. Davor hatte ich eine 4o-Stunden Woche im Praktikum, welche auch mal länger ging. Ich entschied mich, dass ich eine 32-Stunden Woche machen möchte. Der Freitag sollte mir gehören und den wollte ich frei haben. Warum, das beschreibe ich später noch genauer, aber es ging hauptsächlich darum, mehr Freizeit zu haben.

Ich erklärte meiner damaligen Chefin, dass ich weniger arbeiten möchte. Ich will den Freitag frei haben. Sie schaute mich mit großen Augen an und fragte mich als erstes:

„Was willst du denn an diesem freien Tag machen?“

Was ich da machen will? Sie konnte sich also nicht vorstellen, dass ich noch andere Interessen habe außer in ihrem Startup zu arbeiten. Klar, das kann einem Chef aufstoßen: da gibt es noch ein Leben nach der Arbeit, was wichtiger ist als die Arbeit? Für manche Menschen unvorstellbar. Was ist mit Hobbys, mit anderer Arbeit, mit Familie, mit Freunden, mit Interessen wie Lesen, mit Politik?

Die zweite Aussage dazu war:

„Du hast dann 1/5 weniger Gehalt, ist dir das bewusst?“

Ja, das ist es, sonst hätte ich mich dafür nicht entschieden. Die 1/5 weniger Gehalt sind auch nicht wenig. Stellt euch vor jemand verdient 1500 Euro netto. Arbeitet man nun weniger und bekommt 1/5 abgezogen, sind das schon ganze 300 Euro. Bei 2000 Euro netto sind es ganze 500 Euro. Wenn ihr das also wirklich in Angriff nehmen wollt, dann rechnet es vorher gut durch.

Am Ende bekam ich meinen Freitag frei und ich war sehr froh, dass es geklappt hatte. Bis heute, sechs Jahre später, habe ich immer noch den Freitag frei. Und ich habe es nicht bereut und kann mir mehr Arbeitszeit gar nicht mehr vorstellen.

familie-und-teilzeit-endlich-mehr-zeitWarum ist weniger arbeiten so wichtig für mich?

Warum traf ich die Entscheidung weniger zu arbeiten? Ich dachte mir, dass es im Grunde unnatürlich ist, fünf Tage die Woche fremdbestimmt zu arbeiten, Befehle auszuführen und viel zu oft das zu machen, was man gar nicht machen will. Ja, sicher, ich habe mich entschieden einen Job zu machen, aber muss ich das nicht auch? Muss ich nicht arbeiten gehen um alles zu bezahlen? Wohnung, Essen, Kleinung ja wohl mindestens. Und muss ich nicht arbeiten gehen, um meinen Kindern was zu bieten?

Ich bin also gezwungen arbeiten zu gehen. Und alles was mit Zwang zu tun hat, lehne ich ab. Das konnte ich zwar früher nicht so formulieren, aber jetzt weiß ich klarer warum die Entscheidung zu Stande kam. Also entschied ich mich diesem Zwang entgegenzutreten und weniger zu arbeiten. Auch wenn ich immer noch gezwungen bin fremdbestimmte Arbeiten zu erledigen, so ist es schon um 1/5 besser als vorher.

Heutzutage nennt man dies auch „Downshiftig„, also Herunterschalten. Wiki schreibt

Als Downshifting bezeichnet man einen Lebensstil mit dem Ziel, ein selbstbestimmteres, erfüllteres Leben zu führen. Es ist eine alternative Lebensart, die durch teilweisen und gezielten Konsumverzicht größere persönliche Freiräume schafft.

Ich halte diese Definition in dem Punkt für problematisch, dass es für mich keinen „teilweisen und gezielten Konsumverzicht“ gibt. Ich möchte gar nicht so viel konsumieren, schon aus ökologischen Gründen her und ich benötige diesen Konsum auch nicht, daher stellt es gar keinen Verzicht dar.

Ich habe nun eine Familie und bin sehr froh, diesen freien Tag mehr zu haben. Derzeit habe ich eine 28-Stunden Woche und habe zwei kurze Tage und zwei lange Tage. Ich habe an zwei Tagen unter Woche noch nachmittags Zeit mich um meine Familie zu kümmern. Und das ist kein Zwang oder ein Muss, nein – ich will es. Ich will bei meiner Familie sein, so oft es geht. Ich will mein Kind kennen lernen.

Auch brauche ich die Zeit, um mich mit meiner Partnerin auseinanderzusetzen. Ich stelle mir vor, ich hätte eine 50-Stunden-Karriere-Woche gemacht. Wo ständen wir dann in unserer Partnerschaft? Die Zeit wäre gar nicht, an der Partnerschaft zu arbeiten. Wir wären sicher zwei Jahre zurück und wären vielleicht jetzt noch unsicher, ob wir uns für ein Kind entscheiden sollen.

Es gibt noch so viele interessante Dinge im Leben und keiner hat die Zeit dafür – daher solltest auch du weniger arbeiten! Die Arbeit spannt uns heutzutage so sehr ein, dass wir für unsere eigenen Interessen fast keine Energie mehr haben. Wer hat abends nach einem 8-Stunden-Tag – mit Hin- und Rückfahrt mehr als 10 Stunden – denn noch Zeit und Energie, auf sein Kind oder seine Partnerin einzugehen? Wer hat noch die Muße abends in Ruhe ein Buch zu lesen? Wer setzt sich abends um 21 Uhr noch hin und geht seinen Hobbys nach? Und mit einer Familie verschärft sich das Energie- und Zeitproblem noch viel mehr.

Zufrieden sein im Alter

Ich bin der Meinung, dass Selbstbestimmung zufrieden macht. Und das Gegenteil, die Fremdbestimmung, macht unzufrieden. Und die meiste Arbeit ist fremdbestimmt. Was werde ich wohl im Alter sagen, wenn ich im Sterbebett liege? Und werde ich so zufrieden sein, dass ich mit mir so im Reinen bin, dass ich friedvoll sterben kann? Was zählt denn am Ende?

Es sind die Kinder, die Familie, die Freunde, mit denen man ein gutes Verhältnis haben will am Ende seiner Lebzeiten. Und es ist nicht die Karriere, die ich gemacht habe. Die Karriere, für die ich meine Kinder, meine Familie und mein Umfeld vernachlässigt habe. Ich möchte am Ende meines Lebens sagen: ich habe mir die Zeit genommen um ein gutes Verhältnis zu meinen Kindern aufzubauen und nicht die Zeit geopfert, damit ich ein dickes Auto vor der Tür habe. Ich vererbe meinen Kindern lieber die Vorbereitung auf das Leben als ein pralles Bankkonto. Passend dazu ein Artikel, in dem Sterbende fünf Dinge nennen, die sie am meisten bedauern nicht getan zu haben. Platz 2: „Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.

Was ich noch für wichtig halte, ist, sich für eine bessere Welt einzusetzen. Egal auf welche Weise, d.h. politisch denken und handeln. Was brauche ich dafür? Richtig, Energie und Zeit. Ohne diese beiden Dinge werde ich mir kein Bild der Welt erarbeiten können. Daher sind die meisten Menschen heutzutage auch nicht mehr politisch. Sie haben die Energie gar nicht sich mit den Fragen der Welt auseinanderzusetzen. Sich für die gute Sache einsetzen macht sehr zufrieden und diese Zufriedenheit möchte ich am Ende meiner Tage spüren.

Womit hat man zu kämpfen?

In Teilzeit zu gehen und weniger arbeiten ist auch nicht immer positiv behaftet. Der Arbeitgeber guckt komisch wenn man nach Teilzeit fragt oder die Kollegen machen dumme Sprüche. Die Rente verringert sich im Alter, man muss lernen mit weniger Geld auszukommen und eine Karriere kann man dadurch auch nicht starten.

Die Kollegen

Viele meiner Mitarbeiter haben nie Teilzeit gearbeitet und können oft die Gründe nicht verstehen, warum ich dies mache. Die meisten fragen aber auch gar nicht danach, weil es sie gar nicht interessiert. Was aber kommt, sind Sprüche, die einem irgendwann nerven und gegen die man sich wehren sollte. Man sollte sich nicht in eine Rechtfertigungsposition drängen lassen.

Sicher ist es witzig, wenn jemand sagt „Ach, schon wieder Feierabend, es ist doch erst halb vier“ oder „Boah, du hast ein Leben – Freitag frei!„. Im Grunde steckt da aber eine gute Portion Eifersucht dahinter. Viele von den Mitarbeitern sind gespalten und würden auch gerne weniger arbeiten, können es sich praktisch aber nicht vorstellen. Weniger Gehalt schreckt viele ab. Und dann müsste man sich ja auch was suchen, was man in der freien Zeit macht, oder? Nur mehr Fitnessstudio wird einen auf Dauer nicht befriedigen. Es wäre also sinnvoll, sich vorher zu überlegen, was man denn mit der Zeit anfängt, wenn man weniger arbeitet.

Ich reagiere mittlerweile so, dass ich sage, dass der derjenige doch viel mehr verdient als ich. Danach sind die Kollegen meistens ruhig und lassen die Sprüche. Gut funktioniert auch, zu sagen, dass derjenige es doch auch machen kann. Er müsste nur mit seinem Chef sprechen, wie ich es auch gemacht habe. Aber da kommt die andere Seite der Medaille durch, denn viele möchten es gar nicht, aus oben genannten Gründen.

teilzeit-finanzielles-risikoDas Finanzielle

Die finanzielle Seite ist nicht zu vernachlässigen. Man muss sich bewusst machen, dass man weniger Geld zur Verfügung hat. D.h. wer vorher auf großen Fuß gelebt hat, der muss sich schon einschränken wenn er weniger arbeitet. Ich nehme dies jedoch gerne in Kauf, da die Vorteile definitiv überwiegen und mir viel zu wichtig sind.

Auch das Thema Rente spielt eine Rolle, denn wer weniger in die Rentenkasse einzahlt, der bekommt später auch weniger. Es könnte also passieren, dass du im Alter mit wenig Geld auskommen musst. Diesen Punkt solltest du auf jeden Fall beachten, auch wenn jeder davon spricht, dass es später keine Rente mehr geben wird. Sie wird es auf jeden Fall noch geben, nur wie viel gibt es, dass ist eher die Frage.

Wie wäre es mit einem Grundeinkommen, dann könnte jeder selbst bestimmen was und wie viel er arbeiten möchte? Die Finnen führen das Grundeinkommen 2016 ein und ich bin gespannt, wie das ganze Konzept und die Umsetzung aussieht.

Partnerschaft und Freunde

Falls du vorhast in Teilzeit zu gehen, solltest du diesen Abschnitt mit deinem Partner / Partnerin besprechen. Es bedeutet oft, dass weniger Geld zur Verfügung steht. Außerdem sind die Konkurrenzen nicht zu unterschätzen. Wenn jemand weniger verdient, hat er vielleicht mehr Zeit als der andere und dies könnte zu Spannungen in der Beziehung führen. Oder anders herum, dass einer jetzt um einiges mehr verdient und dies auch zu Spannungen untereinander führen kann. Mache dir auch klar, dass du vielleicht am Nachmittag alleine bist, weil alle anderen noch arbeiten bis 18 Uhr. Freunde sind zu der Zeit oft noch auf Arbeit und haben weniger Energie als du, um nach der Arbeit noch was zu unternehmen.

Wichtig ist, dass du dir überlegst, was du mit deiner freien Zeit auch machst. Es kann sehr gut passieren, dass dir langweilig wird und dadurch frustriert bist. Es ist für einige Menschen nicht einfach sich selbst zu beschäftigen. Aber wenn du mit dem Gedanken spielst, weniger zu arbeiten, dann hast du sicher schon Pläne in deinem Kopf.

Frau und Mann

Das muss man sich mal vorstellen: 2010 waren rund 85 Prozent aller Teilzeitkräfte weiblich. Oft begründet aus familiären Gründen. Warum also sollte der Mann nicht mit in Teilzeit gehen und sich seiner Familie widmen? Dass Männer weniger arbeiten ist sehr selten, weil man von ihnen erwartet, dass sie Karriere machen und die Familie versorgen. Männer wollen aber grundsätzlich auch bei ihren Kindern sein und sehen wie sie aufwachsen.

Anerkennung wird wegfallen

Du musst damit rechnen, dass du weniger Anerkennung bekommst in deinem Leben. Nicht alle werden deine Entscheidung unterstützen und du wirst wenig Freunde haben, die genau wie du in Teilzeit sind. Viel Anerkennung erhält man im Job in Form von Geld und auch von Rückmeldungen (daher ist es als Partner / Partnerin auch wichtig, dass du deinen Partner / Partnerin unterstützt bei seinen Plänen weniger zu arbeiten).

Macht man seinen Job gut – also funktioniert man wie die Chefs es wollen – so kann das sehr gut tun für das eigene Gemüt. Du bist also sehr wahrscheinlich in Teilzeit in der Lage, dass du nicht mehr die Fülle an Anerkennung bekommen wirst. Das kann einem sehr fehlen, daher solltest du Ausschau halten nach Gleichgesinnten, die auch dein Lebensmodell für richtig halten.

Teilzeit als Karrierekiller?

Im Grunde kannst du dir mit einer Teilzeitstelle die Karriere in den Wind schreiben. Es ist grundsätzlich nicht möglich Karriere zu machen und gleichzeitig weniger zu arbeiten. Wer Karriere machen will, muss 100% geben und kann nicht um 15 Uhr nach Hause gehen, wenn um 16 Uhr noch ein Meeting ansteht mit dem Kunden. Das ist wie die Lüge von der Vereinbarkeit von Karriere und Familie, die ist genauso wenig umsetzbar. Arbeitgeber verlangen von einem die Aufgabe des Privatlebens um sich 100%ig durch die Arbeit zu definieren. Wer schon den Anschein macht, dass die Arbeit nicht die höchste Priorität hat in seinem Leben, der wird auch nicht als der nächste Teamleiter in Erwägung gezogen.

Da ich nicht immer verfügbar bin, habe ich auch weniger Projekte die mit Kunden zu tun haben. Ich bin nicht immer ansprechbar für meine Kollegen und könnte so auch niemals eine Position als Teamleiter einnehmen. Sicher gibt es Ausnahmen, aber in der Regel ist so, dass du keine Karriere machst.

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Fazit

Wenn du weniger arbeitest, dann hast du weniger Stress, mehr Freiheit, mehr Zeit und am Ende bist du zufriedener. Aber du solltest die Veränderung in deinem Leben nicht unterschätzen und dich auch darauf vorbereiten. Am besten ist es, wenn du Unterstützung von deiner Familie und Freunden erhältst. Wenn du dann noch deine Freizeit sinnvoll gestaltest, wirst du am Ende deines Lebens die Entscheidung weniger zu arbeiten nicht bereuen. Fast alle haben zu viel gearbeitet und zu wenig gelebt.

 


Autor: Martin

Naturfreund, Philosoph, Webfrickler, Demokrat - ich möchte jetzt leben, in der Gegenwart, und werde dafür viel tun. Mein Lebensprojekt: Die Welt verbessern, damit ich selbst zufriedener leben kann.

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