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Waldkita Erfahrung – erzieht der Wald unsere Kinder?

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Waldkindergärten sind beliebt. Sie stehen für eine alternative Pädagogik, Kinder aus Waldkitas sollen intelligenter sein als die aus anderen Kitas. Bei uns hieß es explizit, die Kita sei bedürfnisorientiert. Doch was ist das für eine Pädagogik, die hinter dieser Art der Kita steht?

Zunächst ist es eine Äußerlichkeit, in einer Waldkita halten sich die Kinder draußen auf, im Wald eben oder überhaupt in der Natur. Nur bei besonders schlechtem Wetter ziehen sie sich in einen Bauwagen oder ähnliches zurück. Das Grundprinzip, das hinter der Waldpädagogik steht, ist: die Natur selbst erzieht das Kind. Der Aufenthalt in der Natur, im Wald, ist „spielzeugfrei“. Die Erfahrungen, die das Kind im Wald macht, sollen ihm seine „Grenzen der Körperlichkeit“ aufzeigen. Das Erleben des Lebensraums der Pflanzen und Tiere, der Jahreszeiten, sollen Lernziele der Kinder darstellen. Nicht die Menschen, die mit den Kindern arbeiten, sind ausschlaggebend, sondern der reine Aufenthalt in der Natur, insbesondere im Wald, ist für die Entwicklung der Kinder verantwortlich. Der Wald soll selbst Erzieher sein.

Was lehrt die Natur den Kindern? Ist der Mensch auch Natur?

Aber kann der Wald wirklich einen Erzieher ersetzen? Natur zu erfahren kann für Kinder wertvoll sein. Allerdings nur, wenn diese Erfahrungen auch entsprechend besprochen und verarbeitet werden. Einen Automatismus gibt es nicht. Das Kind kann sinnvollerweise lernen, sich als Teil der Natur zu begreifen. Damit versteht es, dass der Mensch sich selbst gut behandelt, wenn er die äußere Natur gut behandelt. Doch wenn das Kitakonzept den Erzieher dazu anhält, sich „rauszuhalten“, dann ist diese Grundlage zerstört. Das Kind wird hauptsächlich sich selbst überlassen im Glauben, die äußere Natur, der Wald, übernimmt die Erziehungsaufgabe.

Wir leben heute in einem Spannungsverhältnis zwischen Mensch und Natur. Das Kind nimmt intuitiv wahr, dass es einen Unterschied oder sogar einen Gegensatz gibt zwischen der von der Waldkita präsentierten Natur und der zuhause erlebten „Kultur“ oder „Zivilisation“. Im Wald lernt es (bestenfalls), der Natur achtsam zu begegnen, sie zu respektieren und ihre Abläufe nicht zu stören. Zuhause erlebt es die Kultur als natur-zerstörend. Die Kitaumgebung wird zu einer Insel innerhalb einer umweltzerstörenden Stadt.

Kinder werden nicht ruhig und ausgeglichen, nur weil sie sich im „Raum“ Wald befinden. Sie haben ihre Widersprüche, Spannungen und Aggressionen in sich, die sowohl ErzieherInnen wie auch Eltern durch Gespräche wahrnehmen und bearbeiten sollten.

Philosophische Fragen zur Waldpädagogik

Zwei grundphilosophische Fragen drängen sich auf:

  1. Was ist Natur – Wald, Mensch, alles Existierende?
  2. Lehrt die Natur Moral?

Würde Natur als äußere Umgebung automatisch moralisches Verhalten lehren, hätten die Menschen niemals unmoralisch werden dürfen. Gehört der Mensch selbst zur Natur, dann ist es überhaupt nicht notwendig, den Erwachsenen, den „Erzieher“, von der Natur bzw. in diesem konkreten Fall vom Wald zu trennen. Der Mensch ist Teil der Natur – genau das sollen doch die Kinder in einer Waldkita lernen.

Natur ohne den Menschen gedacht funktioniert für sich. Der Mensch aber existiert, er ist selbst Natur und hat naturgemäß die Fähigkeit seine Vernunft zu entwickeln. Den Wald als Natur wahrzunehmen, die wir pflegen und erhalten wollen, weil wir sie brauchen – wäre die Aufgabe der PädagogInnen einer Waldkita, genauso wie es die Aufgabe aller Menschen ist, die mit Kindern oder auch Erwachsenen arbeiten. Die Fähigkeit des Menschen ist es, vernünftige und moralische Werte zu entwickeln, in diesem Sinne ist es auch die Fähigkeit der Natur. Da der Mensch sich selbst erhalten will, kann es nur vernünftig sein, die Natur als seinen Lebensraum erhalten zu wollen.

Schlechte Erfahrung mit der Waldkita – was ist schief gelaufen

Wir hatten das Glück, einen Platz in einem Waldkindergarten zu bekommen. Es gab sogar ein kleines Waldhaus, in dem für schlechtes Wetter Räume vorhanden waren, daher durften Kinder auch schon ab zwei Jahren (sonst ab drei) aufgenommen werden. Weil die Plätze wie immer knapp waren, wurden wir gebeten, den Platz bereits ein Jahr früher als vorgesehen zu nehmen, also ab dem August, in dem unser Sohn erst einundhalb Jahre alt war. Bis unser Kind zwei würde, könnten wir gern schon kommen und einfach noch dabeibleiben, wurde uns angeboten. Das fanden wir toll, so war ich als Mutter nicht immer allein zu Hause mit dem Kleinen und er konnte die Kinder und ErzieherInnen (BegleiterInnen) bereits langsam kennenlernen.

Im September durften wir kommen und hatten uns sehr drauf gefreut, auch zwei andere Elternpaare hatten dieses Modell angenommen. Doch nach zwei Wochen kam die erste Ernüchterung. Wir wurden praktisch ignoriert, ja hatten das Gefühl, die ErzieherInnen mit unserer Anwesenheit eher zu belasten. Unser Sohn – wie auch die anderen Kleinen – wurden nicht integriert und man behandelte uns wie Zuschauer der Szenerie, die man ertragen muss. Der Frust staute sich und wir kamen mit den Eltern der beiden anderen Kinder ins Gespräch, denen es ähnlich erging.

Als wir daraufhin zusammen Gespräche forderten, war die Spannung mit Händen zu greifen. Von der Kitaleitung kam der Vorwurf, wir könnten froh sein, diesen Platz zu haben und sie würden dieses Angebot sowieso nicht mehr wiederholen, das sei klar. Aha, also war unser Eindruck richtig, wir sorgten für Unbehagen. Zwar versuchten die ErzieherInnen nach diesen Gesprächen kurzzeitig mehr auf die Kleinen einzugehen, dieses Engagement verflog aber schnell wieder.

Der Wald als Ideologie

Die Situation verschärfte sich mit dem hereinbrechenden Winter. Die vier Kinder, die noch nicht oder gerade erst zwei Jahre alt waren, waren nach dem Frühstücksritual, das sich bis zu einer Stunde hinzog, verfroren und es gab auch kein entsprechendes Angebot zur Beschäftigung. Auch während der langen Frühstückszeit war keiner der ErzieherInnen bereit, sich um die Kinder zu kümmern, die eben nicht so lange sitzend frühstücken wollten. Was bei den ganz Kleinen ja normal ist.

Wieder traten wir Eltern in Aktion und fragten, warum es nicht möglich sei, zumindest nach dieser Frühstückszeit in die Räume zu gehen, die schließlich vorhanden waren und in denen sich die Kinder sehr wohl fühlten bzw. sich aufwärmen konnten. Sowieso waren wir nur bis zwölf Uhr da und diese zwei Stunden hätte man sehr gut bei der starken Kälte drinnen verbringen können. Doch das war der falsche Vorschlag. Sie seien eine Waldkita, die Räume nur für extreme Unwetter, in denen es draußen wirklich zu gefährlich würde, wurde uns klargemacht.

Mit zwei ErzieherInnen, einer Auszubildenden und zwei jungen Leuten, die ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvierten, war der Personalschlüssel bei im Schnitt zehn bis fünfzehn Kindern geradezu ideal. Unser Elternvorschlag, dass doch die Auszubildende wenigstens an den drei Tagen, an denen die Kleinkinder da waren, für ein bis zwei Stunden in die Räume gehen könnte, wurde letztendlich theoretisch angenommen, praktisch aber dann doch nur sporadisch umgesetzt. Es blieb eine Situation, die für die Eltern zur Dauerauseinandersetzung wurde, eine Mutter kam eine Zeitlang nicht mehr, da ein Herumsitzen in der Kälte mit den kleinen Kindern nur absurd war.

Es gab auch keine sinnvollen Angebote draußen für die Kleinen, die sie hätten beschäftigen können. Das Mantra, das zugrunde gelegt wurde, war: die Kinder sind im Wald und das muss reichen. Der Wald selbst ist der Erzieher, Punkt. Die Grundstimmung, die von den ErzieherInnen verbreitet wurde, war die der Überforderung und Belastung. Eine aktiv-lustvolle Atmosphäre gegenüber den Kindern konnten sie nicht herstellen.

Waldkitakonzept oder ErzieherInnen/Träger – wo liegt die Wurzel für den Umgang mit den Kindern?

Als Fazit kann man sagen: der Wald ist eine tolle Umgebung für eine Kita, wenn dazu noch kleine Räumlichkeiten kommen, ist das geradezu ideal. Doch Wald ohne Menschen ist kein Erziehungskonzept. Letztlich hängt es von den ErzieherInnen ab und ihrem Verhalten gegenüber den Kindern.

Auch ein gutes Konzept, das nicht entsprechend umgesetzt wird, ist nutzlos. Umgekehrt gilt: Eine lebensfrohe und vitale Einstellung und ein sinnvoller Umgang mit Kindern können ein schlechtes Konzept einigermaßen kompensieren. Daher ist für uns das Verhalten der ErzieherInnen ausschlaggebend für das Wohlbefinden der Kinder – und in diesem Sinne die Leitung bzw. der Träger, der für seine Kita verantwortlich ist.

Wir haben die Kita schließlich gewechselt.

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